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Manuel Blum

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CODERS.BAy - Eine sehr persönliche Reflexion - Teil 4 - Es schwimmt und quakt

Von einem anfänglich schwer umsetz- und finanzierbaren Konzept hat sich die CODERS.BAY schrittweise gemausert und professionalisiert. Im Sinne einer nachhaltigen Organisationsentwicklung gab es viele kleine Schritte, oftmals mit direkter Beteiligung von Teilnehmenden und Trainerteam.

Corona hatte für viele Menschen massive Konsequenzen und Themen wie Motivation, aber auch psychische Gesundheit sind gerade im AMS-Kontext, aber nicht nur dort, ein noch viel größeres Thema geworden.

Die Aneignung bzw. Findung einer (neuen) beruflichen Identität ist ein schwieriger persönlicher Entwicklungsschritt, der nicht nur gute Begleitung, sondern vor allem auch ein gewisses Maß an Stabilität im Hintergrund erfordert. Gerade für arbeitssuchende Menschen benutzen wir den drohenden Entzug der Existenz jedoch gesellschaftlich als Disziplinierungswerkzeug, das nicht nur nicht wirkt, sondern eine Beschulung verunmöglicht, wenn die Betroffenen es nicht schaffen dies konsequent auszublenden.

Die erste Aufgabe von AMS-Mitarbeitenden und unserem Trainerteam war also quasi eine Negierung der negativen gesellschaftlichen Strukturen rund um Erwerbsarbeitssuchende.

Sozialmissbrauch ist ein derart kleiner Prozentsatz (23 Mio. €  bzw. ca. 5000 Fälle im letzten Jahr laut Taskforce), dass der generelle Misstrauenszugang fast schon grotesk wirkt.

Wenn wir mit dem gleichen Kontrolldruck auf Unternehmen losgehen, würde die Wirtschaft in Teilen zusammenbrechen.
Zusätzlich führt der Kontroll- und Rechtfertigungsdruck zu einer massiven Bevormundung und am Ende Passivität bei Arbeitssuchenden. Volkswirtschaftlich wäre es wesentlich sinnvoller, die gleichen personellen Ressourcen in klassische Sozialarbeit und Prävention zu investieren. Zusätzlich verändert die Aufgabe, Menschen permanent mit Misstrauen zu begegnen, auch diejenigen, die dies umsetzen müssen.

Und nur Menschen mit einem positiven Zukunftsbild können Energie und Potenzial entfalten, um damit zu beginnen, die Risse in unserer Gesellschaft zu kitten.

Auch im Bereich der Privat- und Firmenkunden wurden wir zunehmend erfolgreicher. Unser  SAP-Programm ist in der Form einzigartig und unser Zugang über den digitalen Humanismus bzw. die Notwendigkeit, Digitalisierung als Organisationsentwicklung zu denken, hat einige Kundenprojekte begleitet und zu Erfolgen geführt. Alternative Recruitingkonzepte wie Speed-Datings – völlig ohne das Bias-Feuerwerk Lebenslauf – zeigten schnell, dass der Fachkräftemangel in Österreich derzeit noch völlig hausgemacht ist und wir noch ganz am Anfang stehen, was Personalarbeit betrifft.

Ein Lebenslauf ist am Ende nichts anderes als ein Nachweis darüber, welche Chancen ein Mensch bekommen hat, sagt aber empirisch nichts über sein Potenzial aus.
Aktuell sind – mit Ausnahme von kleinen Nischen – Unternehmen mit Fachkräftemangel schnell in der Lage zu guten Mitarbeitern zu kommen, sofern sie bereit sind ihre HR-Prozesse zu hinterfragen und potenzialorientiert zu rekrutieren anstatt vergangenheitsbasiert.
Die aktuellen KI-Tendenzen in HR-Software sind dabei oftmals wenig hilfreich und nur aufgrund der aktuellen Rezession ist der Druck kurzfristig wieder auf die Arbeitnehmerseite zurückgefallen. Bedenkt man, dass die aktuellen Kohorten, die in Pension gehen, ungefähr 140.000 Personen stark sind und demgegenüber 80.000 neue Geburten per anno, dann ist sehr klar, wo die Reise in 5-10 Jahren hingeht. 

Einer Neuausrichtung der HR-Prozesse kann man nur durch Ausscheiden aus dem Markt entgehen, insofern scheint es empfohlen zu sein, möglichst früh mit neuen Haltungen und Prozessen zu experimentieren.

Was mich am meisten schmerzt ist, dass es uns offensichtlich nicht gelungen ist, transparent und verständlich darzustellen, was wir hier wirklich getan haben.

Im Grunde haben wir in einem kleinen Rahmen ein “Center for New Work” geschaffen, nach den Ideen von Frithjof Bergmann.

Viel mehr Augenmerk als auf die Ausbildung selbst, lag auf dem Kennenlernverfahren, an dessen Ende eine gemeinsame Entscheidung stand, ob eine der möglichen Ausbildungen im IT-Bereich für die Person überhaupt schaffbar und gewünscht ist.

Die überwiegende Mehrzahl hat die Ausbildung nicht begonnen, aber der Großteil ging trotzdem gestärkt aus dieser Erfahrung hervor.

Manche brauchten einige Wochen, bis sie uns vertrauten, da sie bereits durch vergangene – schlechte – Erfahrungen zynisch oder hoffnungslos geworden waren. Doch diesmal waren wirklich Menschen vor Ort, die sich für sie als Person interessierten. Nicht als Headcount, nicht als Geldbetrag, nicht für ihre Arbeitsleistung, sondern aus humanistischer Überzeugung.

Anfangs waren wir der Ansicht, dass HTL-Abbrecher und dergleichen unsere besten Kandidaten werden würden. Aber weit gefehlt. Egal wo die Personen am Anfang standen, das Wichtigste war der Wille und die Existenz einer positiven, erstrebenswerten Zukunftsvision. 

Ist uns dies gemeinsam mit den Teilnehmenden gelungen, war eine Ausbildung meist kein Thema. Betreuungspflichten und soziale bzw. psychische Probleme waren der größte Hinderungsgrund und leider war es auch manchmal so, dass Menschen die Ausbildung bei uns machen wollten, weil hier menschlich und wertschätzend mit ihnen umgegangen wurde, nicht aufgrund der Inhalte. Eigentlich ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft wie die unsere und ein Zeichen unserer technokratischen Blindheit gegenüber den rudimentärsten Bedürfnissen eines jeden Menschen.

Der zweite Aspekt neben der personenzentrierten Haltung war unser Zugang nicht jemandem Programmieren oder Netzwerktechnik beibringen zu wollen, sondern in erster Linie Menschen dabei zu unterstützen, sich selbst diese Fähigkeiten anzueignen. Und dies in einem möglichst lebensnahen Setting, wie es später auch in Betrieben von ihnen verlangt werden würde. Diese Hilfe zur Selbsthilfe als Haltung vermittelt, wird Menschen nicht nur für die konkrete Ausbildung, sondern ihr ganzes Leben lang begleiten und kann als Sockel für stetige persönliche Weiterentwicklung dienen.

Leider haben nur sehr Wenige wirklich verstanden, was die CODERS.BAY war. Mehrere Gründe scheinen mir dafür verantwortlich zu sein:

  • Großflächiges Unverständnis wie Motivation und Lernen wirklich funktioniert
  • Starkes Verharren in alten Denkmustern und dadurch Unterschätzung der “Soft-Skills” gegenüber fachlichen Inhalten
  • Unternehmen die auf “fertige” Mitarbeiter warten
  • Interesse nur an der Arbeitskraft und nicht am Menschen
  • Es gibt im IT-Bereich keine etablierte Kultur der Ausbildung in Unternehmen

Auf diese Punkte werde ich demnächst ein wenig ausführlicher eingehen.

Trotz meiner tiefen humanistischen Überzeugungen erlebte ich regelmäßig, dass ich Menschen unterschätzte und durfte wieder und wieder feststellen, dass die einzigen Limits die es gab, die in meinem Kopf waren. Da ich diese Vermutungen in der Regel nicht geäußert habe, haben sich die Menschen in unseren Programmen regelmäßig weit darüber hinaus entwickelt und uns bewiesen, dass noch viel mehr geht, als wir im Stande sind zu glauben. 

Es geht hier nicht um Märchenerzählungen und es war nicht alles eitel Wonne, es gab auch immer wieder Enttäuschungen, aber da gilt es das eigene Vertrauen in die Menschen nicht erschüttern zu lassen. 

Ich sehe die letzten Jahre mit einem heiteren und einem nassen Aug’. Wir konnten viele Erfahrungen und Hypothesen testen und beweisen, dass der Fokus auf den Menschen wesentlich wichtiger ist, als das Curriculum, Hardware oder Programmiersprachen. Insofern ist in mir die Überzeugung gewachsen, dass es derzeit keinen Fachkräftemangel gibt. Bisher waren Recruitingprozesse ein Sieb, in einigen Jahren muss daraus ein Trichter werden. Es gibt Unmengen an Potenzialen, die wir derzeit ungenutzt – samt den Menschen, in denen diese schlummern – vergammeln lassen, da sie nicht einem gewissen Muster entsprechen.

Leider ist im Sozialbereich eine nachhaltige Organisationsentwicklung schwierig, da die häufig vorhandenen Ausschreibungslogiken in unserem Fall nun zu einem Reset geführt hat und ein anderer Träger im Idealfall die gleichen Erfahrungen sammeln muss und möglicherweise ebenfalls Jahre braucht, bis der gleiche Stand erreicht werden kann.

Was mich positiv und hoffnungsvoll stimmt ist, dass jene Menschen die die CODERS.BAY ausmachen zwar vielleicht nun verstreut sind, aber ihre Erfahrungen und Haltungen in die Welt hinaustragen können und hoffentlich ein Nukleus für Projekte und Ideen sein können, die die Welt wiederum ein Stück besser machen.

Somit bleibt mir nur zu sagen: So long, wir sehen uns. Es hat sich noch lange nicht ausgequakt..

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