Die Krux mit den Startups
Geht es nur mir so, oder jagen Startups dem Katholizismus die Gläubigen ab?
Vorausgeschickt sei, dass ich nichts grundsätzlich gegen ein modernes Unternehmertum einzuwenden habe. Ich eigne mich auf beiden Seiten der Bruchlinie denkbar schlecht zum Klasserkämpfer, da Ideologie und Verblendung oft nahe beieinander zu liegen scheinen und ich mit beiden Seiten hervorragenden streiten kann.
Die Freiheit zum Unternehmertum halte ich für unglaublich wertvoll und schützenswert. So lange dieses Unternehmertum auch zum Gemeinwohl einen positiven Beitrag leistet. Und ich bin überzeugt, dass der größte Teil der jungen Gründungen mit sehr viel Idealismus zu Werke geht. Das „Get-Rich-Quick-Scheme“ gibt es sicher auch, aber diese Gruppe halte ich für die Minderheit.
Mit der modernen Startup-Ideologie habe ich jedoch so meine liebe Not. Sie ist meist jung, männlich und vor allem finanziell abgesichert. Risikobereitschaft für ein (oft aus drei junge Burschen bestehendes) Startup heißt oftmals Fördergeld, oder ein wenig Kohle vom Papa bzw. einem Investor zu riskieren.
Für die alleinerziehende Teilzeitbürokraft ist es oft schon existenzielle Risikobereitschaft den Hinternklatscher des Chefs zu thematisieren. Wem gebührt hier mehr Unterstützung und mehr Anerkennung für diese Risikobereitschaft?
Moderne Gladiatorenkämpfe („2 Minuten 2 Millionen“), Heilsversprechen und nicht unwesentliche öffentliche Ressourcen werden hier bereitgestellt. Nun ist die Wirtschaftsförderung in Österreich generell üppig und mancherorts auch gerechtfertigt, aber hier etablieren sich aus meiner Wahrnehmung schlechte Muster. Fördergeber und vor allem private Investoren (sogenannte „Business-Angels“ – auch eine sehr orwellsche Wortschöpfung) geben den Ton an. An sie wird gepitched, um sie wird geworben und der Zugang zu diesen exklusiven Runden entscheidet über Wohl und Wehe der eigenen Idee.
Der Geldadel kam zum Teil mit zumindest ungustiösen Geschäftsmodellen zu Geld und diese Menschen sind es, deren Erwartungen es zu erfüllen gilt, unabhängig davon ob sie für das Geschäftsmodell und die Branche der jungen Gründer wirklich Expertise besitzen.
Warum wird Risikokapital investiert? Weil die versprochene Rendite sehr hoch ist. Selbst Gründer mit einem soliden Geschäftsmodell, die ein echtes gesellschaftliches Problem adressieren, befinden sich hier schnell in der Geiselhaft „exponentiell“ wachsen zu müssen. Dies führt immer wieder dazu, dass Förder- und Investorengelder in Marketing gepumpt werden müssen, um sich Neukunden „zu kaufen“.
Ein Kunde ist jedoch in meiner Definition erst dann ein Kunde, wenn er zumindest zum zweiten Mal gekauft hat, denn erst dann ist er offenbar auch mit der Leistung zufrieden. Einmal kann ich ihn auch bescheißen.
Unsere Startup-Geschäftsmodelle orientieren sich hauptsächlich an Fördergebern, oder alten weißen Männern. Wie soll sich dabei unsere Wirtschaft transformieren? Zumal der Umsatzdruck möglicherweise auch den Aufbau eines soliden Geschäftsmodells erschwert. Nicht der Investor oder Fördergeber, sondern der eigentliche Kunde soll die Ausrichtung des Geschäftsmodells bedingen, nur so kann langfristig eine solide Kundenbasis entstehen.
Realwirtschaftliche Geschäftsmodelle sind daher schon fast per Definition zum Scheitern verurteilt, da die reale Welt mit Exponentialwachstum auch so seine liebe Not hat. Und damit komme ich zum zweiten Punkt meiner Kritik:
Viele der erfolgreichsten Startup-Geschäftsmodelle sind keine Innovation. Es sind juristische Winkelzüge. Social Media sind keine Medienunternehmen. Uber ist kein Taxiunternehmen. AirBnB ist kein Hotel.
Das Kunden-Bedürfnis ist oftmals bereits adressiert, der Markt meist gesättigt und es wird lediglich durch einen juristischen Sidestep die Judikatur zu einem geregelten Gewerbe ausgehebelt.
Weniger Haftung, weniger Verantwortung, weniger Kosten. Die „move fast and break things“-Logik führt zur Prekarisierung einer bestehenden Branche bzw. sozialen Verwerfungen, die wir aus gutem Grund bereits früher verhindert haben, während private Geldgeber die Gewinne einfahren.
Und der Staat – also wir alle – zahlen die Zeche, oder wie es volkswirtschaftlich heißt: die externalisierten Kosten.
Auch die Plattformlogik an sich unterläuft grundsätzlich den Wettbewerbsgedanken.
Diesem Phänomen gilt es entschieden durch die EU entgegenzutreten. Marktbeherrschende Stellungen und unterlaufen von Mindeststandards sollte in der einzigen Form beantwortet werden, die der parasitäre Teil dieser Szene versteht: „We might move slow but we will break YOUR things“.