CODERS.BAY - Eine sehr persönliche Reflexion - Teil 3 - Geschlüpft
Anfangs fühlte ich mich als Autodidakt im Bildungssystem in einer fremden Welt, aber mit der Zeit erweiterte sich durch erste Erfolge mein berufliches Netzwerk. Als Trainer hatte ich bereits Erfahrung und der Umgang mit Kunden gehört seit drei Jahrzehnten zu meinem täglich Brot. Auch Menschen zusammenzubringen ist Teil meiner eigenen DNA und offenbar erkennen sich “Überzeugungstäter” schnell und ich hatte die Freude, von vielen Menschen aus verschiedenen Institutionen unterstützt zu werden und die ein oder andere Tür aufgestoßen zu bekommen. Auch meine selbständige Tätigkeit als systemischer Coach, Supervisor und Unternehmensberater half mir, neue Kontakte und sogar die eine oder andere Freundschaft innerhalb der neuen Sparte zu knüpfen.
Oftmals habe ich mir aber auch die Nase eingerannt und die Trägheit unserer gesellschaftlichen Strukturen äußert sich dann in Sätzen wie: “Des hamma imma schon so gmacht” oder “des geht sicha net”. Der schlimmste Klugscheißer ist ja bekanntlich jener, der recht hat, aber offenbar noch schlimmer ist, wenn er dann vielleicht auch noch liefert. Ich bin überzeugt, dass viele Initiativen erst durch den Erfolg Irritation erzeugen.
Dinge wie der nationale Qualifikationsrahmen (NQR) sind aus meiner Sicht unwissenschaftliche Vehikel eines behäbigen Apparates, der für viele Fehlentwicklungen verantwortlich, oder zumindest ein Produkt dieser ist. Anekdotische Evidenz zeigt mir, dass bisher kein Lehrer mit dem ich diskutiert habe, von der Selbstbestimmungstheorie Kenntnis hatte – ein Umstand der mich fassungslos macht, aber erklärt, warum unsere Kinder völlig idente Vorgänge erleben, wie ich anno dazumal.
Wenn in unserer Lehrerausbildung anscheinend nicht flächendeckend gelehrt wird, wie Motivation funktioniert…na prost Mahlzeit!
Es sei aber auch gesagt, dass ich in der Mehrzahl extrem motivierte Menschen kennengelernt habe, allerdings sind diese Menschen in der Regel nicht wegen, sondern trotz des dahinter liegenden Systems erfolgreich.
Just nachdem die wohlige Überforderung des ersten Jahres abnahm, bekamen meine Partnerin und ich “den” Anruf. Wir durften unsere Susanne adoptieren. Volley, ohne die übliche biologische Vorlaufzeit. Kurz darauf musste ich feststellen, dass wir tatsächlich im “Mordor der Kinderbetreuung” leben und konnte nur durch eine Bildungskarenz (meine Beraterausbildung bei Kaleidos war da praktischerweise noch im letzten Jahr) die Lücke bis zum Kindergartenplatz sichern. Darum regt mich die aktuelle Diskussion des “Missbrauchs der Bildungskarenz” auch maßlos auf. Seit Jahrzehnten wird ein einklagbares Recht auf Kinderbetreuung vergeblich gefordert und dazu scheinen sich gerade die Personen, die den Verfall des Leistungswillens beklagen, auch weiterhin nicht durchringen zu können. Ohne die Bildungskarenz hätte ich mich einige Monate erwerbsarbeitslos melden müssen, was wiederum den Zugang zu einem Krabbelstubenplatz erschwert hätte..
Die Beschäftigungsquote der Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten verdoppelt – aber nur durch Teilzeit und eine de facto Hauptbetreuung durch die Omas – das war in meiner Kindheit nicht anders.
Jetzt sind die alten Großfamilien Geschichte und Kinder werden später geboren, da die Mütter (und Großmütter) im Arbeitsprozess bzw. der Bildungswelt stehen. Wir sind somit die erste Generation, die vielfach wirklich zu zweit – oder gar allein (aus meiner Sicht sind Alleinerzieherinnen die einzig wirklichen Leistungsträger in unserer Gesellschaft) ein Kind großziehen und dabei am besten noch alle Vollzeit arbeiten sollen – ein kurzes Kopfschütteln bezüglich der Sommerloch-Teilzeitdebatte sollte inhaltlich als Kommentar genügen. Zusätzlich waren früher meist die Kinder außer Haus, bevor die Eltern pflegebedürftig wurden. Durch die späteren Schwangerschaften rutschen wir auch hier oft in eine Doppelbelastung.
Das Konzept Vollzeit funktioniert nur, wenn man eine Person hat, die Kinderbetreuung und Haushalt abdeckt – natürlich kostenfrei. Viele Frauen (und einige Männer) sind deshalb nicht Vollzeit in einem Job, weil sie bereits einen Vollzeit-Job haben – daheim und unbezahlt .
In meinen in Summe 15 Monaten Karenz habe ich sowohl in geringfügigem Ausmaß für die CODERS.BAY und auch selbstständig weiter Erwerbsarbeit untergebracht. Man ist zwar mit einem Baby oder Kleinkind den ganzen Tag (und im Zweifelsfall die ganze Nacht) beschäftigt, aber die intellektuelle Auslastung ist überschaubar. Es war immer wieder wie Urlaub bei Kundenterminen und Workshops zu sein und tatsächlich alleine auf die Toilette gehen zu können – Kunden verfolgen einen nur im Extremfall bis aufs Klo.
Achja, und sollte ich noch einmal den Satz hören: “Bist nu daheim oder scho wieder arbeiten?“, dann schieße ich.
Meine Partnerin und ich reduzierten nach meinen 15 Monaten Karenz beide unsere Arbeitszeiten, um die Kinderbetreuung halbwegs gedeihlich aufzuteilen und aufgrund zweier Selbstständigkeiten, meiner BFI-Tätigkeit und dem einen oder anderen Ehrenamterl ist bei uns jede Arbeitswoche völlig anders. Mittlerweile bezeichnen wir unsere Kleinfamilie als Logistikunternehmen. Teilweise mit Just-in-time Delivery, wo ich nach bereits zwei Übergaben abends mit der Bim zum Taubenmarkt fahre, um dort meine Partnerin wieder zu treffen, die direkt nach ihrem Termin die Kleine übernimmt und wieder heimfährt, während ich zu einem Abendtermin haste. Lifestyle-Teilzeit halt..
In der Zeit bis zur Karenz und in der Karenz selbst folgten einige personelle Änderungen in der CODERS.BAY und mit Marion und Wolfgang konnte ich extrem engagierte und arbeitswütige “partner-in-crime” kennen- und schätzen lernen, ohne die die CODERS.BAY nicht zu dem werden hätte können, was es zum Ende war. Ebenso die drei guten Seelen im Office und last but not least eine Vielzahl an sozial motivierten und fachlich kompetenten Trainer:innen und Coaches, haben über die Jahre eine vierstellige Anzahl an Personen aus- und weitergebildet und vielen davon die erste echte Perspektive in ihrem Leben gegeben. Ich ziehe meinen Hut vor euch allen..