Manuel Blum

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CODERS.BAY - Eine sehr persönliche Reflexion- Teil 2 - Erstes Brüten

Heutzutage sind Rollenbeschreibungen meist noch obsolet, bevor die Tinte trocken oder eine Wiki-Seite aktualisiert ist und somit hatte ich mit damals Ende Dreißig und breitem Erfahrungsschatz kein Problem, mir selbst mein neues berufliches Häuschen einzurichten. Ein ungewohnt hohes Maß an Freiheit, das zum Teil durch das Vertrauen meiner Geschäftsführung und zum Teil sicher auch durch eine völlig überforderte Struktur (COVID – wer sich noch erinnert 🙂) bedingt war, kann man entweder als Zumutung betrachten, oder als Gestaltungsraum den man selbst nutzen darf. Ich entscheide mich da im Zweifelsfall für Zweiteres.

Es ist allerdings meine Wahrnehmung, dass die strukturelle Überforderung generell in großen Organisationen seither weiter zunimmt und gerade junge Menschen oft keine Chance mehr haben, die Erfahrungen zu machen, die notwendig sind, um sich selbst im Vakuum bewegen zu können. Auch in meiner Selbstständigkeit erlebe ich mich fast ausschließlich in “Reparaturaufträgen” – ein Befund, der mir in Intervisionsgruppen, egal ob formaler Natur oder beim zwanglosen Kaffee mit anderen Beratern – durchgehend gespiegelt wird.

Die CODERS.BAY war bei meinem Eintreffen noch sehr jung und in einer gewissen Schieflage. Unter anderem dadurch bedingt, dass sowohl bei den Bildungsträgern, als auch vielen öffentlichen Auftraggebern wenig technisches Fachpersonal angestellt zu sein scheint. Im Austausch mit anderen “Frontkämpfern” höre ich immer wieder Sätze wie: “Wos die sich ausdenken kaunst halt net umsetzen”, was ich zum Teil nachvollziehen konnte, denn die finanziellen und inhaltlichen Planungen erschienen mir sehr optimistisch und zum Teil inhaltlich praxisfern. Andererseits ist dies aber sicher auch eine Schutzbehauptung von Menschen, die sich “da draußen” alleingelassen und nicht gehört fühlen. 

Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem NGO-Geschäft und klassischen Unternehmen scheint mir zu sein, dass Führung qua Zeitmangel als Hobby gilt. Es sind Projektleitungen und andere Führungsrollen an der Front in der Regel zu mehr als 100% operativ eingeplant, selbst bei Führungsspannen, die jeglicher Grundlage entbehren und eigentlich für erfahrene Manager Red-Flags sein sollten. 

Ausschreibungen scheinen mir zunehmend formalistisch fokussiert und Buzzword-Bingo-lastig zu sein. Die ausführenden Belegschaften spiegeln dies wider und je näher man im Bildungsbereich dem Ministerium kommt, desto stärker wird die Dichte an Lehrern und Soziologen in diesen Rollen. Beides an sich ehrenwerte Erstsozialisierungen, jedoch im Sinne der Diversität der Blickwinkel erscheint mir der Bildungsbereich als Monokultur und dadurch völlig abgehängt von der Lebensrealität derer, die sie ausbilden soll. Diversität wird in Frauenförderprogrammen übersetzt, die sind tatsächlich quer durch die Landschaft reichlich vorhanden und vielleicht noch ein wenig in Migrationshintergrund, da wird die Luft aber – vor allem im Hinblick darauf, dass Österreich ein klassisches Einwanderungsland war und ist – schon dünn. 


Die größte Trennlinie ist jedoch aus meiner Sicht die des Vermögens/Einkommens und der beruflichen Identität. In welchem Entscheidungsgremium sitzt eine alleinerziehende Mindestsicherungsbezieherin? Eines habe ich von den Feministinnen gelernt: Wer nicht am Tisch sitzt, der liegt in der Regel drauf.
Was allerdings als Problem zu sehen ist bei einer hohen Lehrerdichte, ist eine konsequente Vermeidung von Fehlern. Dies ist natürlich schelmisch gemeint, denn natürlich passieren immer und überall Fehler, aber das Schulsystem lehrt uns, dass es nichts Schlimmeres gibt als Fehler und dies scheint mir ein Teil der völlig Reformunfähigkeit des Bildungssystems zu sein. Fehler sind böse, die macht man nicht. Das ist vermutlich die größte berufliche Deformation, die Lehrpersonen mit auf den Weg gegeben wird. Auch in meiner Selbstständigkeit ist dies ein eklatantes Merkmal, dass das Eingestehen von Fehlern bei Lehrern oftmals existenzielle Krisen auslöst. Es wird somit in unzähligen Meetings und Schleifen Selbstabsicherung betrieben und das Fehleranfällige – die Handlung – am Ende oft unterlassen. Da sich Strukturen über Menschen reproduzieren, erleben wir hier eine völlige Reformunfähigkeit..

Durch meine Arbeit in der CODERS.BAY habe ich eine sehr einzigartige Situation erleben dürfen. Vormittags ein Seminar oder eine Beratung mit Führungskräften und C-Levels und nachmittags eine Krisenintervention bei einem Menschen, der langzeitarbeitslos ist , keine Ausbildung genossen hat, vor der Delogierung steht und generell so einen sozialen Rucksack trägt, dass es drei “Leistungsträgern” instant die Haxn ausreißen würde.

Aber auch die Gemeinsamkeiten. Ein Führungskräfteprogramm aus meiner Selbstständigkeit wurde zur Basis für IT-Evaluierungsverfahren für AMS-Kunden. Die Gedanken und Fragen in den Workshops waren nicht sehr anders, vielleicht auf einer Seite längere Schachtelsätze und mehr Fachvokabeln, aber die Grundprobleme der Digitalisierung ziehen sich vom C-Level bis zum Erwerbsarbeitslosen. Die Angst, sich zu blamieren, die Sorge um die eigene Zukunft und die der Kinder, vieles eint.

Die finanziellen Lebensrealitäten jedoch schaffen tiefe Gräben zwischen uns und die Bedürfnisse des einen sind für den anderen oft nicht nachvollziehbar. Vor allem auch, dass wir wirklich Menschen strukturell eine Teilhabe an der Gesellschaft verwehren und – was auch den schlimmsten Manchester-Kapitalisten zu denken geben sollte  – wir berauben uns selbst um das unglaubliche Potenzial, das diese Menschen in sich tragen.

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